Der Mzungu im Interview

Dragos Pancescu betreibt mit Lukas119 eine Suchmaschine für Kirche und Religion. Lukas119 verwendet die Custom Search Engine von Google, mit der die Suche auf eine Auswahl bestimmter Webseiten eingeschränkt werden kann (weitere Infos dazu). Dragos hat über mehrere Wochen 10 Blogger aus der “frommen” Blogosphäre interviewt, einige bei denen ich auch des öfteren vorbeischaue, u.a. Thomas Kilian, Simon de Vries, Peter Unruh, Tobias Künkler und Sandra Bils.

Auch mir hat Dragos einige Fragen rund um Afrika, Blogs, Wikis, BarCamps und Events rund um Kirche und Christen gestellt, die ich gerne beantwortet habe.

Wer möchte kann das Interview am Ende dieses Artikels lesen, oder direkt als PDF Downloaden. Ich empfehle außerdem auch einen Blick in die weiteren spannenden Interviews zu werfen.

Interview mit Cedric Weber:


1. Herr Weber, Ihr Blog heißt Mzungus (http://m.zung.us/) ein ungewöhnlicher Name – Warum, weshalb, wieso dieser Name?

Mzungu’s ist das Blog des “weißen Menschen”. Ich bin in Kenia aufgewachsen und empfinde dort ein Stück meiner Heimat. Wenn man in ländlichen Gegenden unterwegs ist, rufen die Kinder “mzungu, mzungu” sobald sie einen weißen sehen.
Im Blog selbst findet man diese Erklärung: “Zungu ist ein swahili Wort und steht für fremd, eigenartig, sonderbar, verrückt oder außergewöhnlich. In Ostafrika werden weiße Menschen mzungu genannt.” Die die Wahl der .us Domain und die Aufteilung in m.zung.us sind “Style” und wurden damals von del.icio.us inspiriert, einem bekannten Social-Bookmark Service.

2. Sie stechen auch etwas hervor in z.B. der Auflistung von Bloggern bei RelevantBlogs.de – da Ihre Beiträge von deutlicher IT-Begeisterung geprägt sind. Passt ein IT-Freak heutzutage überhaupt in das “allgemeinübliche” christliche Blogger-Bild?

Ich mag diese Kategorisierung nicht. Ich sehe mich nicht als “christlichen” Blogger, sondern als “Blogger der Christ ist”. Mein Blog spiegelt einen Teil der Themen wieder die mich täglich beschäftigen und soll dabei möglichst authentisch sein. Zur Authentizität gehört dann auch, dass ab und zu christliche Themen auftauchen.

3. Eines Ihrer Lieblingsthemen sind Wikis – Haben diese auch irgendeine Bedeutung speziell für Christen, Glaube und/oder Religion oder ist das nur etwas für Webworker und IT-Profis?

Wikis sind Tools um schnell, einfach und transparent Informationen kollaborativ zu erarbeiten und bereitzustellen. Wikis lassen sich damit sehr universell in vielen Bereichen einsetzen, natürlich auch von Christen ;-).
Ein Beispiel dafür ist das von mir initiierte Volxbibel-Wiki (http://wiki.volxbibel.com), in dem gemeinschaftlich and der Volxbibel gearbeitet und über die Bibeltexte diskutiert wird. Ich bin begeistert davon, dass Christen und Nichtchristen, Schüler, Ingenieure, Pädagogen und Theologen sich öffentlich mit der Bibel auseinandersetzen und dies, meiner Meinung nach, dabei nicht spurlos an ihnen vorüber geht.
Im Bereich christlicher Kirchen und Organisationen, besonders für die weltweit tätigen Missions- und Hilfswerke sehe ich großes Potential für den Einsatz von Wikis, Blogs und moderner Web2.0-Tools, um z.B. Projekte besser zu koordinieren, die Zusammenarbeit von Arbeitskreisen zu intensivieren, Wissen in geographisch verteilten Projekten zu managen und die Öffentlichkeitsarbeit zu verbessern.

4. Wie sieht es in der “christlichen” IT-Welt/Blogosphere mit Events aus? Was kann der Grund dafür sein, warum Barcamps, Webmondays usw. kaum oder gar nicht genutzt werden?

Das sie gar nicht genutzt werden ist falsch, schließlich bin ich selbst regelmäßiger Teilnehmer der BarCamps / WebMontage und Mitorganisator des WikiWednesday in Stuttgart. Die Themen dieser Events rund um moderne Webanwendungen der zweiten Generation wie Blogs, Wikis, Socialnetworks und Web2.0 sind für viele christliche Organisationen und Kirchen Neuland. Und offenbar hat die “christliche” IT-Welt und Blogosphäre bisher etwas Berührungsängste. Grundsätzlich sind die Events “user-generated”, also von den Teilnehmern selbst aktiv gestaltet. Es spricht daher nichts dagegen auf einem BarCamp in einer Session die Einsatzmöglichkeiten von Web2.0 Anwendungen in der Kirche zu diskutieren. Ich würde mich natürlich sehr freuen in Zukunft den einen oder anderen aus der “Szene” anzutreffen.

5. Wie viel Zeit investieren Sie am Tag für Ihren Blog und welchen Ratschlag können Sie Webseiten-/Blogbetreibern geben, die ähnliche Projekte starten wollen?

Es ist schwer zu sagen wie viel Zeit ich investiere, schließlich schreibe ich in mehreren Blogs. Mzungu’s sehe ich u.a. als Teil meines persönlichen Wissensmanagements. Im Blog landen Themen mit denen ich mich aus beruflichem oder privatem Interesse beschäftige und die meiner Meinung nach für meine Leser interessant sein könnten. Alles weitere an Dokumentation landet in einem meiner Wikis. Viele Artikel entstehen somit schon in Form von Notizen und Bookmarks während meiner Arbeit. Der Artikel im Blog ist meist nur die “schöne Zusammenfassung für die Welt”. Natürlich kostet dies viel Zeit und Ausdauer, hilft mir aber mich intensiver mit Themen auseinander zu setzen und gleichzeitig mein Wissen zu vertiefen. Ich schätze, dass ich durchschnittlich eine Stunde Täglich in mzungu’s investiere.

Ein erfolgreiches Blog erfordert meiner Meinung nach eine fokussierte Themenauswahl und authentische Artikel mit Bezug zur Blogosphäre, dabei “moderate” Regelmäßigkeit und vor allem Spaß und Leidenschaft fürs Bloggen, denn das spüren die Leser.

6. Welche Trends beobachten Sie z.Z. im Web 2.0 – und können einige davon auch “nutzbar” für Christen in ihrem Alltag sein?

Web2.0 ermöglicht eine bisher ungekannte themenspezifische interaktive Vernetzung von Menschen. In Form der weiter oben angesprochenen Events zeigt sich ein Trend, dass sich, aus diesen zuerst rein virtuellen Netzwerken, durchaus “Real Life” Treffen entwickeln und “echte” Beziehungen entstehen und gepflegt werden können.

Ein weiterer Trend der genau dies unterstützt sind die microblogging und presence Tools wie Twitter, Jaiku oder frazr. Sie ermöglichen innerhalb einer Gruppe einen schnellen Informationsaustausch über Instant Messenger, SMS, Email oder Web. Denkbar ist damit z.B. ein spontaner Informationsaustausch zu Aktivitäten rund um Kirche und Jugendarbeit.

7. Ein Blog verändert und beeinflußt nicht nur die Blogosphere sondern auch den Blogger selbst. Welche persönlichen Erfahrungen haben Sie damit?

Es ist spannend, wenn man plötzlich entdeckt, dass ein Blog tatsächlich einen kleinen Einfluss auf die christliche Blogosphäre hat (z.B. beim “zerstörten” Volxbibel-Voting http://m.zung.us/2006/02/23/der-jungenstreich/).
Ich versuche mich nicht zu stark durch mein Blog und irgendwelche Blog-Statistiken beeinflussen zu lassen und verzichte bewusst auf Werbung oder bezahlte Artikel. Mein privates Blog soll Spaß machen und gleichzeitig Mehrwert für die Leser bieten, und nicht nur die Hypethemen der Blogosphäre aufgreifen, um die Besucherzahlen zu erhöhen.

8. Sie haben auch eine persönliche Beziehung zum afrikanischen Kontinent? Wie würden Sie die IT-Entwicklung dort im allgemeinen beschreiben? Ist nicht gerade ein Blog eine hervorragende Möglichkeit für den Anfang einer IT-Revolution dort?

Afrika ist der Kontinent mit dem am schnellsten wachsenden Mobilfunkmarkt der Welt. Anders als in Europa ist der Zugang zum Internet für die breite Masse der Bevölkerung, wenn überhaupt, dadurch mit niedriger Bandbreite über das Mobilfunknetz möglich. Dieser neue Zugang beinhaltet ein enormes Potential für mobile Webanwendungen. Wichtige Informationen und Wissen werden damit vielen Menschen zugänglich und ermöglichen Bildung und Umsetzung neuer Geschäftsmodelle. Microblogging, mobile Nachrichtenportale, Bezahlsysteme und mobiles Banking sind nur einige Themen. Aus meiner Sicht fehlen die wirklich großen Investoren um in diesem Bereich vorhandene Webanwendungen mit mobilen Anwendungen zu verknüpfen und für den afrikanischen Markt spezialisierte Anwendungen vorantreiben. Die Blogosphäre entwickelt sich stark in den letzten Jahren und immer mehr Blogger nehmen ihre Stimme wahr um auch politischen Einfluss zu nehmen. Durch die in jedem Blog integrierten RSS-Feeds ist es möglich, die Inhalte auch auf Mobiletelefonen zu lesen.

9. Wenn Sie einen “Internet-Wunsch” offen hätten – was würden Sie sich wünschen?

Weniger, dafür nachhaltigere Blogbeiträge mit Mehrwert, und natürlich mehr Bandbreite in Afrika.

10. Welche Pläne haben Sie für die Zukunft: als Webseiten-Betreiber und auch als Christ?

Für mein privates Blog mzungu’s habe ich keine besonderen Ziele. Mit zungu.net, dem Blog rund um meine selbständige Beratungstätigkeit im Wiki, Social-Software und Web2.0 Bereich möchte ich mehr fachspezifische und aktuelle Themen aufgreifen und dadurch als Ansprechpartner an Relevanz gewinnen. Gerne würde ich mein Knowhow verstärkt in Projekten der weltweiten Entwicklungszusammenarbeit und Mission einsetzen.

Dragos Pancescu, Betreiber der christlichen Suchmaschine www.Lukas119.de beschäftigt sich seit Anfang der 90er Jahre mit dem World Wide Web. Er ist als IT-Berater und Inhaber einer eigenen IT-Dienstleistungsfirma im niedersächsischen Brake/Unterweser tätig. Als christlicher Unternehmer engagiert er sich ehrenamtlich in verschiedenen Bereichen der Wirtschaft, des öffentlichen Lebens und der Kirche.

Über Cedric Weber

Ich schreibe seit Mai 2003 zu Themen rund um das Web2.0, Enterprise2.0, Social Software, Wikis, Weblogs, online Kollaboration, Instant Messaging, sowie Linux / Ubuntu und Apple. Dazwischen findest du Themen aus meinem Alltag - über Glaube und Spiritualität, Fotografie, Musik und vieles andere.

Ein Gedanke zu „Der Mzungu im Interview&8220;

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.