Anekdoten aus Afrika

Eine nette Anekdote aus dem Alltag in Nairobi / Kenya:

Kürzlich war ich im Nakumatt, der größten Supermarktkette in Kenya, einkaufen und habe ganz deutsch und umweltbewusst meine hässlichen “Ökostofftaschen” mitgenommen. Ansonsten bekommt man x Tüten, jede Zahnpasta wird noch extra eingepackt und dann nochmal in eine Tüte rein usw. Und Müll wird in Kenya dann einfach verbrannt, richtige Müllverbrennungsanlagen gibt es hier nicht. Also versuche ich so gut es geht, Müll zu vermeiden.

Der Kassierer tippt also meine Einkäufe ein und der Einpacker (das ist hier ein richtiger Job) packt fleißig in meine Ökostofftaschen ein, fragt mich aber etwas irritiert, wieso ich nicht seine tollen Nakumattplastiktüten haben will. Ich sage, dass das die Umwelt schont, weil ich damit Müll vermeide. Seine erstaunte Antwort ist: “But you can also burn those Nakumatt plasticbags!!” (”Man kann doch auch die Nakumattplastiktüten verbrennen!”) Achso.

Das AEMHostel ist ein Internat, welches Schüler der deutschen Schule in Nairobi besuchen, deren Eltern im missionarischen, kirchlichen oder sozialen Bereich in Ostafrika arbeiten. Meine Schwester und Schwager leiten das Internat und schreiben in aus dem Alltag im Internat und Nairobi.

Über Cedric Weber

Ich schreibe seit Mai 2003 zu Themen rund um das Web2.0, Enterprise2.0, Social Software, Wikis, Weblogs, online Kollaboration, Instant Messaging, sowie Linux / Ubuntu und Apple. Dazwischen findest du Themen aus meinem Alltag – über Glaube und Spiritualität, Fotografie, Musik und vieles andere.

9 Gedanken zu „Anekdoten aus Afrika

  1. Zunächst könnte man über diese Situation schmunzeln, aber lustig ist dies eigentlich nicht. Vor meiner Selbstständigkeit, war ich längere Zeit „im Auftrag des Fairen Handels“ unterwegs und habe auf früheren Reisen – auch in Nairobi – solche Situationen immer wieder erlebt. Leider ist das Umweltbewusstsein bei Einigen dort noch nicht so ausgeprägt, wie wir es gerne hätten. Da gibt es noch erheblichen Schulungsbedarf.

  2. Wenn man dort lebt, sollte man lernen darüber zu schmunzeln, denke ich. Das bedeutet natürlich nicht, dass man das Thema Umweltschutz ignorieren sollte, nein im Gegegenteil. Leider wird das Thema in der Schulen bisher sehr stiefmütterlich behandelt. Marlies ist derzeit in einem Projekt involviert, in dem es genau um diese Aufklärungsarbeit geht. Ich bin gespannt wann es davon zu lesen gibt.

  3. Ein Grund dafür, dass es im Thema Umweltbewusstsein noch nicht soweit ist „wie wir es gerne hätten“ (Was für ein Kommentar: ist das einfache Arroganz oder nur Ignoranz?) ist wohl, dass es einfach eine solche Anzahl an anderen Problemen gibt, mit denen Menschen zu kämpfen haben, frag doch mal bitte den Einpacker bei Nakumat was er montalich verdient und wievel zum Leben übrigbleibt – und wie würden wir unseren Müll entsorgen bei einer solchen Finanzlage? Sicherlich ist es wichtig und auch vollkommen notwendig über Umweltschutz nachzudenken und auch entsprechend zu handeln (sehr gut Harry. das mit den Stofftaschen) aber „wir im Westen“ können uns das auch leisten – komplett mit Entsorgungsystemen, bunten Mülltonnen vor der Tür für die wir fleissig Entsorgungsgeld zahlen und alles Andere was zum System Umwelstschutz dazukommt. Es gehört viel mehr dazu als „denen nur unser Wissen beizubringen“ – auch wenn Schulung ein wichtiger Teil ist. Denken wir zum Beispiel an die Vertriebspraktiken westlicher Firmen die in Afrika tätig sind, wie sieht es dort mit Umwelstschutz, fairem Gehalt/Handel etc aus. …

  4. Es geht an dieser Stelle mE weniger um die Tatsächliche Umsetzung (übertriebener?) deutscher Standards bei der Müllentsorgung, sondern einfach um die Basics zum Theme Umweltschutz die in jeder Volksschule vermittelt werden sollten. Natürlich kann dieser junge man es sich nicht unser Müllentsorgungssystem leisten, aber trotzdem verstehen das man die Umwelt schonen kann in dem man nicht einfach alles verbrennt sondern wiederverwendet. Natürlich kann man manche Praktiken westlicher Firmen anprangern (und man sollte es ja auch), aber wen Interessiert es, wenn es der dortigen Bevölkerung ***egal ist?

  5. @cgzed zu „wie wir es gerne hätten“ – weder das eine noch das andere ist hier gemeint. Vielleicht etwas missverständlich formuliert. Damit war eigentlich eher gemeint, wie es die Umwelt bzw. wir alle (d.h. die Menschheit) es im Sinne der Umwelt gerne hätte. Das war jetzt nicht auf eine spezielle Nation oder was auch immer bezogen.
    Es ging hier nur um den Punkt „Umweltbewusstsein“ und da gibt es Aufklärungsbedarf – nicht nur dort. Selbstverständlich ist es damit nicht getan und es sind da in Zukunft noch etliche andere Probleme zu lösen. Aber ein erhöhtes Bewusstsein in diesem Bereich würde sich vermutlich auch positiv auf andere Lebensbereiche auswirken.

  6. Das Problem ist nicht NUR Aufklärungsarbeit („Capacity Building“), sondern dass die Produkte des täglichen Lebens aus den falschen (schlechten) Materialien bestehen.

    Die Menschen waren ja früher organischen Abfall gewöhnt, haben dann alles in die Umwelt geworfen ohne weiter nachzudenken. Selbst wenn wir es jetzt erreichen, dass alle ihren Müll getrennt sammeln und irgendwo abgeben, besteht immer noch das Problem, dass der Müll existiert und verwertet (nicht „entsorgt“) werden muss. Ergo: nicht die Menschen müssen verändert werden, sondern die Ausgangsprodukte.

  7. Das ist richtig. Hier muss es anfangen. Vor Jahren hatte ich in Guatemala mit einem kuriosen Fall zu tun. In der EU wurde die Einfuhr von Textilien verboten, welche gesundheitsschädliche Azofarben enthalten. In Guatemala hatten wir damals u.a. Hängematten und Hemden eingekauft. Lateinamerikanische Textilien sind meist sehr farbenfroh. Zum Färben der Garne hatten die Guatemalteken auf „deutsche Wertarbeit“ gehofft und Farbe von einem großen deutschen Farbenhersteller eingekauft. Dieser hatte wohl die Chance erkannt seine „verseuchten“ Farben loszuwerden und nach Guatemala verkauft wo die Garne schließlich gefärbt und verarbeitet wurden – dort wusste ja keiner was von dem Verbot geschweige denn der Gesundheitsgefährdung. Die fertige Lieferung wurde dann in Deutschland vom Zoll geprüft und wegen den Azohaltigen Stoffen aus dem Verkehr gezogen. Da gibt es sicherlich noch etliche ähnliche Beispiele. Zumindest kam beim obigen Beispiel der Müll wieder ins Ursprungsland zurück ;-)

  8. Grundsätzlich stimmen wir einander wohl zu – und stellen fest – es gibt einfach eine grosse Anzahl an Variablen die mit Hineinspielen: fairer Handel, Einkommen, Geschäftspraktiken, Verpackungsherstellung, Entsorgungsysteme usw. Doch man kann sich auch fragen, warum wenn Aufklärungsarbeit geschieht, es mit der Umsetzung so schleppend voran geht. Dazu kommt mir ein TED Talk von Emily Oster in den Sinn. Der ist zwar zum Thema Aids, aber die aufgestellten Thesen sind durchaus auch auf die Umweltschutzproblematik anzuwenden. Grundton: „Wofür der Aufwand wenn meine durchschnittliche Lebenserwartung eh nur 40-50 Jahre ist?“ Sehr interessant. Auch in Anbetracht anderen Faktoren die vorgestellt werden. Schaut Euch das mal an:
    http://www.ted.com/talks/view/id/143 oder

  9. Beispiel Müll-Problem in Kenia: es gibt keine staatlich geregelte Müllverbrennungsanlage; Recycling-Anlage oder ähnliches. In Nairobi ist die Stadtverwaltung (City Council) dafür zuständig den Müll zu sammeln und lediglich auf der einzig offiziellen Deponie (in Dandora) abzuladen. Ist der Müll einmal dort gelandet passiert damit nichts mehr, außer dass einzelne Müll-Sortierer sich noch das heraussuchen, was sie für verwendbar halten. Dandora wächst und wächst in den letzten Jahren dramatisch an – die angrenzenden Wohngebiete sind davon bedroht vom Müll verschluckt zu werden, das Grundwasser verseucht, die Luft zum Schneiden dick, und der Anteil an Dioxinen in Milch und Eiern zum Vergiften hoch (http://www.ipen.org/ipenweb/ipep/ipepfinalreport8.pdf).

    Ich war kürzlich in eine Diskussion mit einem Deutschen verwickelt, der mich fragte warum die fehlende waste management Politik nicht Thema der Wahlkampagnen zur Präsidentschaftswahlen ist. Zu solch einem Kommentar kann ich nur Schmunzeln! Und dennoch ist was dran! Es geht doch darum, dass sich die Politik dessen bewusst wird, dass Umweltbewusstsein mit nachhaltiger Entwicklung einhergeht und letztlich auch die Lebensqualität des „armen“ Nakumatt-Verkaeufers verbessert. Und wer ist „die Politik?“ Sind die jungen Schüler von heute nicht die Wähler und Politiker von morgen? Mit Aufklärungsarbeit (im Übrigen nicht capacity-building JKE sondern advocacy und awareness – wenn es schon Schlagwörter sein sollen) soll also nicht unbedingt der arme Nakumatt Verpacker von heute sein verändertes Handeln bewirkt werden sondern die Generation von morgen Umweltbewusstsein zur politischen Debatte machen. Der Weg erscheint lang aber das ist die Richtung, die in solch entscheidenden Fragen eingeschlagen werden muss… isn’t it?

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